Max Winter: "Zwischen Isar und Neisse. Bilder aus der Glasindustrie Nordböhmens."
   

Zitiert nach:

"Die Neue Welt"  Nr. 5 / 1901, S. 40

Der Hohlbläser

In der Glashütte sind die Oefen in Brand. Vor dem zweiten Ofen liegen am Erdboden mächtige schwarze Glasballons. Drei, vier solcher Hohlkugeln sind schon fertig. Ein kleiner, schwächlich aussehender Mann mit schlaffen Wangen dreht im Ofen die Pfeife. Da er sie jetzt heraushebt, hängt an der Pfeife ein Klautsch ( Glasklumpen) von Kindskopfgröße. Er rundet den glühenden Körper in einer Kugelform und fährt mit der Hand über die rotglühende Kugel, so wie ein Schneider, wenn er von einem fertiggestellten Rock noch einige Stäubchen entfernen will. Es zischt auf. Seine Eisenhand bleibt unversehrt. Schon hat er auch diese Hand an der Pfeife, er schwingt den Klautsch, stellt ihn in eine Form und die pfeife im Munde drehend, bläst er mit vollen Backen hinein.

Der Kindskopf weitet sich bis zur Größe eines Männerkopfes. Rasch noch mal in den Brand. Er dreht und dreht die Pfeife, und daran tanzt im Gluthmeer die rote Kugel. Kaum ist sie zu unterscheiden. Gluthton verschmilzt in Gluthton. Wieder hebt der Bläser die Pfeife aus dem Feuer. Einige Handgriffe an der Kugel, und dann führt er die Pfeife an den Mund. Er drehr und bläst und die rote Kugel schwillt immer mehr und mehr an. Wie eine Seifenblase am Strohhalm, so klebt jetzt tanzend und schwankend die Kugel an der Pfeife. Aber noch immer bläst der Meister in die Pfeife. Seine schlaffen backen sitzen wie Ballons in seinem Gesicht. Die Adern schwellen auf. Jede Muskel im Gesicht ist wie versteinert. Die Anstrengung ist auch an der Gesichtsfarbe kenntlich. Durch den braunen Grundton schimmern rothe Blutwellen. Immer größer wird die Kugel. Jetzt und jetzt, glaubt man, muß sie zerspringen, wenn die Spannung zu groß wird. Nichts davon! Je größer die Kugel wird, desto mehr flieht die Gluthfarbe von ihrer Oberfläche und jetzt, da der Meister die Pfeife absetzt und, sie leise schwingend, die paar Stufen von der Gallerie herabsteigt, um die Kugel zu den anderen zu betten und sie dann von der Pfeife abzuschlagen, jetzt hat die Kugel schon die tiefschwarze glänzende Außenfläche wie die anderen, die bereits am Boden liegen. Das Abschlagen der Pfeife ist höchst einfach, Mit einem Eisenstück fährt er auf der Kugel um den Rand der Pfeife, dann giebt er der Pfeife einen zarten Schlag, und an der Eintrittstelle der Pfeife in die Kugel entsteht ein offener, ungleichmäßiger Bruch. Die Pfeife ist leicht von den Glasbruchstücken befrei, die noch an ihr kleben. Das Alles, von dem letzten Ausheben der Pfeife, ist kaum das Werk einer Minute. Die Lungenminute eines Glasbläsers! Wie vile solcher Minuten kann er wohl aushalten? Und wie viele Stunden seines Lebens muß er wohl für jede solche Minuten höchster Anstrengung hergeben? Jetzt, da er die Pfeife vom Munde hat, steckt er die Tabakspfeife in den Mund und saugt den heißen Qualm, der ihm wie Kühlung ist, aus dem Rohr. Während er den Klautsch für die nächste Glaskugel anwärmt und im Brande dreht, pafft er ruhig den Rauch vor sich hin..

Wozu sollen aber die großen Kugeln? Diese werden in Stücke geschlagen und mit Benutzung der gerundeten Außenflächen werden daraus allerlei Schmuckgegenstände gemacht, namentlich Trauerschmuck für Damen. So mag mancher Glasmacher schon das Rohglas geblasen haben, aus dem der Trauerschmuck für seine Witwe später geformt wurde, wenn ihr, des Glasmachers Frau, überhaupt das Geld für solchen Tand blieb.

 

     
Mecklenburger Waldglasmuseum e.V.